2015-03-24 akt-syn 210


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Gymnasiasten besuchen Synagoge in Hartmanitz

1921 lebten in der Tschechoslowakei 354000 Juden, davon 127000 in den Böhmischen Ländern, und es gab 205 jüdische Gemeinden. Allein die Synagogengemeinde in Hartmanitz, nur eine halbe Stunde Fahrzeit von Bayer. Eisenstein, zählte 200 erwachsene Mitglieder. Tschechen, Deutsche und Juden lebten ohne nennenswerte Konflikte miteinander – bis zum Zweiten Weltkrieg und der Wahnsinns-herrschaft der Nationalsozialisten: Im grausamen Holocaust kam fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Region ums Leben.
Soweit die nackten Fakten aus den Geschichtsbüchern, doch die Schüler der 9. Klassen des Gymnasiums Zwiesel, die sich in Geschichte und Religion mit dieser Thematik beschäftigen, wollten die Spuren der jüdischen Bevölkerung im unmittelbarer Nachbarschaft hautnah erleben: So machten sie sich mit ihren Lehrern, dem Tschechien-Spezialisten Edmund Stern, unterstützt von Frau Silvia Süß, sowie der Korrespondentin den Bayerischen Rundfunks für die Region – Frau Renate Roßberger - auf ins Nachbarland.
Ihr Ziel war zunächst die 1883 erbaute Bergsynagoge in Hartmanitz, die 2006 nach Sanierung zu einem Museum umgestaltet wurde. Dort erhielten die Schüler eine beeindruckende und informative Führung, die verdeutlichte, dass die Juden seit dem Mittelalter eine bedeutende Volksgruppe auf unserem Gebiet waren und dass ihr Leben, ihre Handelsaktivitäten und ihre eigene Kultur das Leben aller Bewohner des Böhmerwaldes bereichert haben. Gemeinsam beteiligten sich Deutsche, Juden und Tschechen an der Führung der Gemeinden, der Wirtschaft und dem Kulturleben. Doch dann kam der Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland 1938: Die Verfolgung der einst so geschätzten Mitbürger begann, die Deportation der Juden aus dem Bereich Klattau nach Theresienstadt erfolgte in zwei Transporten 1942, von wo aus sie in die Vernichtungslager verbracht wurden – ohne Wiederkehr. In der Ausstellung des Museums wird auch der Todesmarsch dokumentiert, dessen Trasse gegen Kriegsende über Hartmanitz führte. „Wie konnte das geschehen?“, so lautete wiederholt die Frage des Führenden im Museum. Wie konnte es geschehen, dass Nachbarn zu Feinden werden, dass Dörfer und Menschen völlig verschwinden und in ein Niemandsland umfunktioniert werden?
Beeindruckt von den Erlebnissen in der Synagoge, die durch die Radioaufnahmen von Renate Rossberger und deren Interview-Fragen sich auch etwas aufregend gestaltete, reiste die Gruppe noch ein paar Kilometer weiter nach Gutwasser, wo man das Dr.-Simon-Adler Museum besuchte: Diese Museum ist ein Denkmal für den jüdischen Historiker und Rabbiner Dr. Simon Adler, der in Gutwasser geboren und 1944 ein Opfer des Holocausts im Konzentrationslager Ausschwitz wurde. Das Museum dokumentiert sehr anschaulich das Alltagsleben der jüdischen Familien dieser Region an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Kultgegenstände wie der siebenarmige Leuchter, eine Thorarolle, Gebetsmantel und Schofarhorn, Beschneidungsmesser und koschere Schlachtutensilien machten das im Unterricht Besprochene anschaulich und begreifbar.
Natürlich durfte abschließend ein Abstecher zum berühmten gläsernen Guntheraltar in der benachbarten Kirche zu Gutwasser nicht fehlen, womit der Brückenschlag zur gemeinsamen Geschichte von Bayerischem und Böhmerwald erneut deutlich wurde und zum Frieden gemahnte: 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt zu hoffen, dass die junge Generation unserer Schüler weiterhin in Frieden zusammenlebt. Ausdruck fand diese Hoffnung auch in einem gemeinsam gesungenen „Shalom“ zum Abschied von der Synagoge!

Martina Kuchler