2015-06-08 akt kriegsende 210


26.05.2015Platzhalter 228x100

Georg Ruderer erzählt Gymnasiasten aus seinem Leben

Können wir heute ganz ermessen, was es heißt, 70 Jahre in Frieden zu leben? Können wir uns auch nur im Entferntesten vorstellen, welches Leid der Krieg über die Soldaten bringt? Wie sehr die Angst vor feindlichen Angriffen das Herz zerfrisst? Welche Qualen Hunger und Krankheiten mit sich bringen?
Wohl kaum einer von uns hat eine Vorstellung von den Geschehnissen des großen Weltkrieges, der im Mai vor 70 Jahren endete, außer denen, die dabei gewesen sind und alles am eigenen Leibe erspüren mussten. Und dass diese Erfahrungen nicht verlorengehen, dass sie uns zum Frieden mahnen, dafür sorgen die letzten Zeitzeugen der Geschehnisse.
Ein Blick zurück nach 70 Jahren
Einer von ihnen ist Georg Ruderer aus der Flanitzerstraße, fast 94 Jahre alt, der sich sofort bereit erklärt hat, auf Einladung von Studiendirektorin Martina Kuchler den Schülerinnen der Schriftstellerwerkstatt aus seinem so bewegten Leben zu erzählen.
Und die jungen Leute staunten nicht schlecht, einen so agilen und geistig fitten Herrn vor sich zu sehen, der Daten und Fakten aus dem Weltkrieg parat hält wie ein Lexikon. Sehr still war es im Klassenraum, als Georg Ruderer zu erzählen begann.
Ein erster Schock an der Front
Mit 19 Jahren – ein mitgebrachten Bild zeigt einen feschen, jungen Mann in Soldatenuniform – fand er sich als Infanterie-Panzerjäger an der Front, wo am 18. Oktober 1941 ein erster Angriff der russischen Truppen auf die deutschen Soldaten stattfand; einnehmen sollte Georg mit seiner Einheit die Insel Krim, doch was das bedeutete, kann man sich nur schwer vorstellen: Märsche von 30 bis 40 Kilometern pro Tag in derben Stiefeln mit der gesamten Ausrüstung am Körper, 1942 – 1943 Stellungskrieg am Kuban-Brückenkopf an der Hafenstadt Noworossijsk am Schwarzen Meer, wo die sogenannten Stalinorgeln der Russen eine demoralisierende Wirkung auf die Truppen ausübten. Und schließlich, nach dem Fall Stalingrads 1942 die Landung russischer Truppen in der Hafenstadt, was den Rückzug bedeutete über den Kaukasus mit zum Teil 80 Kilometer Marsch am Tag.
Ein Spiel des Glücks
Immer aber – so betont Georg Ruderer – hatte er unglaubliches Glück: außer einer kleineren Kopfverletzung hat er in all den Kriegsjahren keine schwere Verwundung erlitten. Und als er nach einem Lazarettaufenthalt in einer Sammelstelle in Rumänien vergaß, einen Vorgesetzten zu grüßen, und ihm dies mehrere Tage Haft einbrachte, rettete ihm dies das Leben. Er sollte nämlich nach Sevastopol – einer Seefestung, die Hitler unbedingt halten wollte und die während seiner Haft von den russischen Truppen eingenommen wurde, wobei von seiner gesamten Kompanie mit etwa 120 Mann nur 13 lebend zurückkehrten.
Ein Blick in die Hölle
1944 schließlich wartete doch ein bitterer Schlag auf Georg Ruderer: Er geriet in russische Kriegsgefangenschaft! Anschaulich und spannend schildert er den Schülern, wie er eine Schießerei hörte, dann den Satz: „Hart her, Hände hoch!“, gefolgt von seinem Fluchtversuch über Gartenzäune, der Fesselung durch die feindlichen Soldaten und der Tötung anderer Gefangener.
Es folgten körperliche Angriffe bei geringsten Äußerungen, Verhöre und die Angst vor der Erschießung. Doch auch eine fast witzige Anekdote flicht der Erzähler hier ein: Bei den russischen Gegnern hatten seine nagelneuen Stiefel Begehrlichkeiten geweckt und man zwang ihn, sie auszuziehen; doch Georg Ruderer hat sehr kleine Füße und so passten sie den Bezwingern nicht! Schließlich wollte auch ein neuer Wachposten wiederum das schöne Schuhwerk des deutschen Gefangenen und er schlüpfte barfuß in die Stiefel, so dass er tatsächlich hineinkam. Als Ersatz erhielt Georg die zerschlissenen und vorne schon offenen Schuhe des Russen, die er den ganzen Winter 1944/45 tragen musste, nur ausgestopft mit Stroh gegen die Kälte.
Eine Frage des Überlebens
Mit Viehwaggons ging es dann von Weißrussland aus nach Minsk in ein großes Gefangenenlager und anschließend in verschiedene Arbeitslager, wo die Leiden der gefangenen Soldaten kein Ende nahmen: vom 12. Oktober 1944 bis 17. März 1945 (diese Daten haben sich ins Gedächtnis Georg Ruderers eingebrannt) hieß es Bomber freischaufeln auf einem Flughafen, geschlafen wurde in einem Keller mit 60/70 Mann auf engstem Raum, den Körper voller Gewandläuse, die – wie Ruderer es sagt – „uns fast zammgfressn ham“. Holztransport, Karosseriebau und zwei Jahre als Hauer in einem Kohlenschacht in 120 Metern Tiefe folgten – bei einer Verpflegung mit wässriger Suppen frühmorgens, mittags und abends und 100 Gramm Brot, sofern vorhanden. Viele Gefangene, so Ruderer, sind dabei schlicht verhungert!
Ein Traum vom Frieden
Erst im Jahr 1949 durfte Georg endlich nach Hause, wieder in einem Viehwaggon, nachdem er 8 Jahre seiner Jugend dem Wahnsinn des Krieges geopfert hatte.
Auf die Fragen der Schüler, was er da gefühlt habe, zitiert er das Telegramm, das er von Friedland aus nach Hause sandte: „Hurra, ich komme! Schorsch!“ Es war ein Hochgefühl, endlich die Heimat und die Familie wiederzusehen, die zwei Jahre lang gar nicht wusste, ob der Sohn und Bruder überhaupt noch am Leben ist, bis er Karten aus der Gefangenschaft nach Hause senden konnte.
Auf die Frage, ob er noch von den Geschehnissen träume, sagt Ruderer: „Ja, ständig. So etwas streift man nicht ab, das kann man nicht vergessen. Auch nicht und gerade nicht, wenn man alt wird!“
Und zum Abschied mahnt er die Jugendlichen, die beeindruckt seinen Worten lauschten, froh und glücklich zu sein über die Zeit und die Gegebenheiten, in denen sie leben, hier mitten in Deutschland – ohne Hunger, ohne Not und seit 70 Jahren in Frieden!

Martina Kuchler