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22.09.2017


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18 Neuntklässler des Gymnasiums Zwiesel waren zum Schüleraustausch in Indien

Die ersten Eindrücke
Fast erschlagen wurden die 18 erschöpften Neuntklässler und die Begleitlehrer, Frau Vacek und Herr Urlbauer, von den exotischen Gerüchen und der sengenden Hitze, als sie nach 20-stündiger Reise in Ahmedabad den Flughafen verließen. Auf der anderen Seite der Zollabsperrung warteten bereits Mr. Dilip George und Mrs Priya Promod, der Schulleiter der Vibgyor International High und seine Stellvertreterin, und winkten den Zwieseler Gästen fröhlich lächelnd entgegen. Nach einer herzlichen gegenseitigen Begrüßung ging es dann im Bus durch das langsam erwachende Ahmedabad nach Vadodara - zwei der zahlreichen Millionenstädte in Indien, die in Deutschland praktisch niemand kennt. Die Müdigkeit steckte allen in den Knochen, doch während der Fahrt zur Partnerschule konnte keiner der Reisenden ein Auge zu tun, denn durch das Busfenster boten sich erste Eindrücke von Indien, z.B. die heiligen Kühe, die mitten auf der mehrspurigen Hauptverkehrsader der Metropole im Bundesstaat Gujarat nach kleinen Grasresten suchten und sich von den hupenden Fahrzeugen, die sie im großen Bogen umschwirrten, gar nicht irritieren ließen. Während ein paar Schüler noch Mitleid mit den knochigen Kühen hatten, staunten andere schon über eine Familie, die es irgendwie geschafft hatte, sich zu fünft auf einen einzigen kleinen Roller zu quetschen.


Eine kulinarische Entdeckungsreise
Bei der Ankunft an der Schule wurden die Zwieseler dann am schuleigenen Internat von anderen Schülern und Angestellten mit einer Segnungszeremonie begrüßt, bei der jedem der obligatorische rote Punkt auf die Stirn gemalt wurde. Kurz danach fand man sich in der Schulmensa zusammen, wo die fünf täglichen Mahlzeiten für die Schüler der Privatschule ausgeteilt werden. Neugierig lugte mancher nach vorne, was die anderen Schüler in der Schlange da aufs Essenstablett bekamen. Denn natürlich war man vorgewarnt, dass Gujarat ein vegetarischer Bundesstaat ist, weshalb mancher Schüler seinen Koffer mit Chips, Schokoriegeln und Gummibärchen ausgepolstert hatte. Auf dem Tablett fand man schließlich Reis, kleine Weizenpfannkuchen, Chapatti genannt, und verschiedene gulaschähnliche Soßen, die „Dal“ oder „Masala“ hießen und lecker dufteten. Manchen kostete es anfangs etwas Überwindung, mit den Fingern zu essen, wie es in Indien üblich ist. Die anderen nahmen einfach das Besteck, das es natürlich auch gab. Die elterlichen Bedenken wurden schnell zerstreut, denn jeder Schüler fand das Essen „lecker und etwas scharf“, „lecker und sehr scharf“ oder einfach nur „lecker“.
Schulleben
Wie auch am Gymnasium Zwiesel, fängt der Unterricht an der Vibgyor-High bereits um halb acht an. Insofern war man wenigstens mit den äußeren Umständen vertraut. Doch schon schnell erkannten die niederbayerischen Schüler, die ihre Austauschpartner in den regulären Unterricht begleiteten, dass hier ein anderer Wind weht. Wenn man im Unterricht etwas sagen will, muss man nämlich aufstehen, und die Lehrer werden generell mit „Sir“ und „Mam“ angesprochen, was die Zwieseler Kinder dann doch etwas militärisch fanden. Schnell hatten sie aber auch erkannt, dass im Unterricht in Indien zwar Schuluniform getragen wird, dass aber genau wie zuhause geschwätzt und gekichert wird. Aufgrund des ständigen Summens der Klimaanlage und der Ventilatoren im Klassenzimmer fällt das jedoch etwas weniger auf. Donnerstags beginnt der Schultag an der Vibgyor High etwas anders als sonst - mit einer Versammlung aller Lehrer und Schüler auf der schuleigenen Rollschuhbahn. Die halbstündige School-Assembly, die jeweils von einer Klasse moderiert wird, fängt mit dem Singen der Nationalhymne an, während alle Schüler in Reih und Glied geordnet und diszipliniert die Hände falten. Die Zwieseler Kinder haben schnell verstanden, was zu tun ist. Von hinten konnte man in der geordneten Masse nur durch den einen oder anderen blonden Haarschopf erkennen, wo sich ein Niederbayer unter die Inder geschlichen hatte. Im Anschluss wurde in kleinen pädagogischen Theaterstücken vorgeführt, wie wichtig z.B. Kooperation oder Umweltschutz sind.
Ausflüge
Doch nicht nur der Unterrichtsbesuch stand auf dem Programm. Vielmehr wurde den Zwieseler Gästen ein vielseitiger und perfekt organisierter Mix aus Land, Leuten und Kultur geboten, der alle Erwartungen überbot. Im Wohnzimmer eines echten Maharadschas unterhielt man sich mit „Ihrer Exzellenz“ über deutsche Autobahnen. Zwischen Menschenmassen, Eseln, Affen und heiligen Kühen wurden Tempelberge bestiegen, was einen Schüler so verwirrte, dass er dem Brahmanen, der ihn mit erhobener Hand segnen wollte, ein „High-Five“ gab. Der Priester quittierte ihm dies wiederum mit einer extra großen Portion roten Puders, den er im ganzen Gesicht des Schülers verteilte. Die Spuren Gandhis erkundeten die Schüler bei einem Ausflug ins Gandhi-Ashram, wo ihnen eine webende, holländische Verehrerin des Nationalheiligen seine Lebensgeschichte auf Deutsch näherbrachte und erklärte, dass sein berühmter Salz-Marsch genau an diesem Ort seinen Anfang genommen hatte. An der Universität in Vadodara erfuhr man, dass Deutsch als Fremdsprache in Indien immer beliebter wird. Mit dem ganzen Bus fuhren die Zwieseler ins Innere des gigantischen Sardar-Sarovar Staudammes. Der Höhepunkt war aber sicher das Garba-Tanzfest, das in ganz Gujarat Ende September zelebriert wird.
Ekstatische Tänze
Ende September bis Anfang Oktober, also in der Nach-Monsunzeit, wird in Indien Navratri gefeiert, eins der wichtigsten Feste im hinduistischen Jahreszyklus, das mit der Göttin Durga in Verbindung gebracht wird. Im Bundesstaat Gujarat, in dessen Herzen Vadodara liegt, wird dies mit nächtelangen ekstatischen Tänzen zelebriert, an denen auch die Zwieseler Schüler und Lehrer teilnehmen sollten. Doch zuvor mussten sie die komplizierte Choreographie und die Schritte lernen, weshalb die Schulleitung kurzerhand Tanzstunden für sie organisierte. Auch die prächtigen farbenfrohen Kostüme wurden binnen weniger Tage für sie maßgeschneidert und die Mädchen erhielten Massen an schwerem Schmuck von ihren Tauschpartnerinnen. Der letzte Feinschliff kam dann noch von der zweiten Schulleiterin höchstpersönlich, die hier und dort noch ein wenig an den Kleidern herumzupfte, alles mit Sicherheitsnadeln perfekt befestigte und dann stolz ihr Werk bewunderte. Stundenlang ging es anschließend bei der schulinternen Garba-Nacht mit hunderten anderer Schüler, Eltern und Lehrer im Kreis, und die Gastgeber staunten nicht schlecht über die indischen Tanzkünste der Niederbayern, die ihnen erst am Vortag in Lederhose und Dirndl die Sternpolka vorgeführt hatten.
Neue Freundschaften
Nach der Garba-Nacht verbrachten die Schüler ein Wochenende außerhalb der Schule bei den Gastfamilien, was bei allen Beteiligten tiefe Eindrücke hinterließ. Shopping-Touren, Scooter-Fahrten, Schwimmen im privaten Pool und natürlich ganz viel indisches Essen und Familie standen hier auf dem Programm. Am Sonntagabend kehrten begeisterte Schüler mit leuchtenden Augen in das Schulhostel zurück, und sie berichteten Frau Vacek und Herrn Urlbauer von ihren Erlebnissen, die alle zuvor gehegten Sorgen der Eltern und Lehrer zerstreuten. Nach fast zwei Wochen fiel der Abschied sichtlich schwer, als sich noch einmal alle Beteiligten zum Abschlussabend mit Festmahl in einem nahegelegenen Hotel zusammenfanden. Die Freunde, die sich gefunden hatten, mussten sich nun trennen, doch sollte dies nur ein vorläufiger Abschied sein, denn Ende Januar werden die indischen Partner zu ihrem Gegenbesuch nach Zwiesel aufbrechen, um auch die Heimat ihrer neuen Freunde kennenzulernen.


Silke Vacek