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Schmerzen schreibt das Leben

 

Die meisten verbringen Weihnachten zuhause, unter dem Tannenbaum, zusammen mit ihrer Familie. Reden, lachen und sind glücklich. Diese Stimmung, die an diesem Abend herrscht, gibt es nur einmal im Jahr. Und deswegen ist sie etwas ganz Besonderes. Deshalb sollte man sie zu schätzen wissen. Ich habe bis jetzt jedes einzelne Weihnachten in Krankenhäusern verbracht. Ich habe eine unheilbare Krankheit. Niemand kann mir helfen. Nicht einmal die Ärzte. Wie lange mir noch von meinem Leben bleibt, weiß ich selbst nicht so genau. 148.920 Stunden bin ich bereits auf dieser Welt. Also 17 Jahre. Ich zähle mein Leben nicht in Jahren, sondern in Stunden. Stunden voller Traurigkeit, Schmerz, Hoffnung, Wunsch auf Rettung, die es nicht gibt. Und genau weil es keine Rettung gibt, habe ich meine Eltern darum gebeten, Weihnachten dieses Jahr zuhause zu verbringen. Mein Vater hat nur stumm genickt, aber meine Mutter hat mich angeschrien. Sie hat mich gefragt, ob ich verrückt sei, ob ich den Verstand verloren hätte. Aber das habe ich nicht. Ich habe den Verstand nicht verloren, ich habe ihn gefunden. Warum sollte ich ein trauriges Leben führen und kein glückliches? Warum sollte ich mein Leben in Krankenhäusern verbringen, wenn ich weiß, dass es keine Rettung für mich gibt. Dass es keinen Sinn hat, traurig auf den Tod zu warten, wenn ich es auch glücklich kann. Meine Mutter liebt mich, dass weiß ich ganz genau. Aber die Angst, mich zu verlieren, hat sie in diesem Moment so stark überwältigt, dass in ihrer Stimme kein Platz mehr für Liebe war. Nur für Angst und Wut. Wut, dass ausgerechnet ihrer Tochter dieses Schicksal widerfährt. Die Welt ist ungerecht, und damit muss man sich abfinden, denn man kann nichts dagegen tun. Schließlich hat meine Mutter doch eingewilligt und mich zusammen mit meinem Vater an Heiligabend vom Krankenhaus abgeholt.

Und jetzt sitze ich hier unter dem Weihnachtsbaum im Wohnzimmer und das Einzige , was ich fühle ist Glück. Glück, dass ich so eine tolle Familie habe. Mein kleiner Bruder Jakob spielt mit seinem neuen Spielzeugauto, das er bekommen hat, unter dem Wohnzimmertisch. Ich höre das Knistern des Feuers im Kamin und rieche den schwachen Duft der geschmückten Tanne. Und zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich die Weihnachtsstimmung, von der alle reden. Die Weihnachtsstimmung, die so oft in Filmen vorkommt. Die Weihnachtsstimmung, die ich mir so sehr gewünscht habe. Das war das größte Geschenk, das mir meine Eltern machen konnten. Und das Letzte. Denn um mich herum wird plötzlich alles finster. Ich bekomme nicht mehr mit, wie meine Mutter meinen Namen ruft und anfängt bitterlich zu weinen. Ich bekomme nicht mehr mit, wie mein Vater den Krankenwagen ruft, sich Selbstvorwürfe an den Kopf wirft und meinen Bruder auf den Arm nimmt.

Um mich herum herrscht einfach nur tiefste Finsternis. Aber keine Finsternis, vor der man Angst hat, sondern eine Finsternis, die einen beruhigt. Und plötzlich erstrahlt ein Licht. Ich muss eine Hand vor meine Augen halten, weil es zu grell ist, um hineinzusehen. Als es langsam schwächer wird, senke ich vorsichtig meine Hand. Vor mir steht ein kleines Mädchen mit Flügeln und streckt mir ihre Hand entgegen. Ein Lächeln ziert ihr rundes, freundliches Gesicht und ihre smaragdgrünen Augen glitzern freudig. Für einen kurzen Moment zögere ich, doch dann lächle ich zurück und gebe ihr meine Hand und gemeinsam, Hand in Hand, gehen wir in das Licht. Ich weiß, dass ich das Richtige getan habe. Mein Tod hat zwar eine tiefe Wunde bei meiner Familie hinterlassen, aber diese Wunde wird heilen. Wir können den Tod nicht aufhalten. Er spielt nach seinen eigenen Regeln. Regeln, die uns oft nicht gefallen. Doch gäbe es keinen Tod, dann gäbe es auch kein Leben.

Elena Wisbauer, 9. Klasse

- Ein Beitrag aus der Schriftstellerwerkstatt -